21. Juni 2011 | Altes Rathaus Hannover | Kai-Uwe Bergmann

Auf Tauchfahrt im think-tank

Nur aus schöpferischem Chaos entsteht die Stadt der Zukunft. Das ist die Botschaft des Videos, mit dem der dänische Architekt Bjarke Ingelsen im Internet seine Arbeitsweise an anschaulich macht. An die hundert Mitarbeiter wuseln durch das Großraumbüro von BIG, der Bjarke Ingels Group, sie diskutieren, skizzieren ihre Ideen an Zeichentischen oder hantieren mit Architekturmodellen. Unterdessen nimmt ihr Chef und Vordenker vor laufender Kamera Block und Riegel, die scheinbar unverrückbaren Grundelemente jeder Stadtplanung, gründlich auseinander: Schreibt die Kopenhagener Bauverwaltung eine Blockrandbebauung vor, knickt BIG den Komplex einfach in der Mitte zusammen, zaubert annehmbare Innenhöfe und schafft vor der durch außen liegende Aufgänge rhythmisierten Fassade attraktive öffentliche Räume.

Verlangt ein Investor nach möglichst hoher Flächenausnutzung mit dicht an dicht gestapelten Apartments, lockt BIG den Geldgeber auf eine schiefe Ebene: So findet jeder einen Platz an der Sonne und eine Drei-Zimmer-Wohnung wird zum räumlichen Erlebnis.

Augenfällig wurde dieser Ansatz jüngst mit dem dänischen Pavillon auf der Weltausstellung in Shanghai, einer schneckenförmigen Spirale mit dem Wahrzeichen Kopenhagens im Zentrum, der für einige Wochen nach China exportierten Meerjungfrau. Auch daheim sorgt BIG für Aufsehen mit einer Müllverbrennungsanlage, deren Dachlandschaft mit nachgebauter Ski-Abfahrt den Freizeit-Tourismus eindämmt und deren Schornstein überdimensionale Rauchkringel ausstößt als laser-illuminierte Warnung vor CO²-Emissionen. Das wäre aber kaum mehr als „Sustainabilty-Pop“, würde zur BIG-Nachhaltigkeit nicht auch gehören, zu zeigen, wie solche Architektur entsteht, welche städtebaulichen oder eben auch umweltpolitischen Absichten dahinter stehen, wie die umwälzenden Ideen ganz reale, realisierbare Formen annehmen.

Genau das will das experimentierfreudige Team um Bjarke Ingelsen zum Beispiel mit „Yes is more“ erreichen, einem Architektur-Comic, der im Titel starre Dogmen wie Mies van der Rohes „Less is more“ oder Robert Venturis „Less is a bore“ ironisch bricht und im Gegenzug die steile Karriere des Kopenhagener Büros geradezu spielerisch Revue passieren lässt.

Doch für den Blick hinter die Kulissen braucht es immer noch den leibhaftigen Auftritt, den direkten Dialog. Dafür war BIG-Partner Kai-Uwe Bergmann nach Hannover gekommen. Und insbesondere in den Gesprächen nach seiner mitreißenden Präsentation zeigte sich: Was nach Entertainment und Effekthascherei aussieht, erfordert ausdauernde Arbeit, effiziente Organisation. Experten aller Art kommen zusammen, sechs Teams sind ausschließlich mit Wettbewerben beschäftigt, allein für das Marketing ist ein gutes Dutzend Mitarbeiter „hauptamtlich“ zuständig – und Sheela Maini Søgaard, die neue Vorstandsvorsitzende des Unternehmens, hat ihre Erfahrungen bei McKinsey gesammelt.

Dennoch – oder gerade deshalb – kommt die Gestaltung nicht zu kurz: Kreative Architektur, so die unausgesprochene Quintessenz von Bergmanns farbenfroher tour d‘horizon, kann sich nur im ökonomisch abgesicherten Rahmen entfalten. Und deshalb fällt bei BIG unter „Nachhaltigkeit“ auch das penible Aufbewahren aller Skizzen und Modelle, die im Laufe nächtelanger Brainstormings zustande gekommen sind – und mit deren Hilfe auch ausgesprochen „konservative“ New Yorker Bauherren vom Nutzen schräger Wohnpyramiden inmitten langweilig aufgetürmter Wolkenkratzer überzeugt werden. Als Denk-Modelle werden diese handhabbaren Argumentationshilfen akkurat in hohen Regalen abgelegt: Jederzeit und für jeden gut sichtbar in dem schlichten Großraumbüro, das doch eigentlich ein gewaltiger think-tank, eine Ideenschmiede fürs 21. Jahrhundert ist.