22. April 2009 | Altes Rathaus Hannover | Hanno Rauterberg

Symptomatisch

Symptomatisch sei das richtige Wort für das, was sich in letzter Zeit in Hannover abspiele, meinte Hanno Rauterberg, Architekturkritiker der ZEIT, und spielte damit natürlich auf die aktuellen Debatten um den möglichen Abriss des Niedersächsischen Parlamentsgebäudes, den Wiederaufbau des Schlosses in Herrenhausen und auch auf die Rolle des Denkmalschutzes an. Rauterberg sprach am 22. April als Gast der Lavesstiftung bei der Vortragsreihe „Architektur im Dialog“ in Hannover vor über 300 Zuhörern.

Die Diskussionen um Abriss von Denkmälern auf der einen und dem Wiederaufbau von „Denkmalschimären“ sei symptomatisch für den derzeitigen Zustand der Baukultur in Deutschland. Die Rekonstruktion des Herrenhäuser Schlosses habe mit dem Ursprungsbau so viel zu tun wie „Ananas aus der Dose mit einer frischen Ananas“. Die Denkmalpflege sollte sich vor Fälschungen, wie der dort geplanten, fürchten, so der Journalist, wenn ihr Interesse noch immer das Authentische sei. Denn ein Zeugnis, das die vielen Spuren der Geschichte bewahre, könne das neue Schloss nicht sein. Die Zerstörung des Gebäudes durch die Bomben 1943 solle wohl aus dem Gedächtnis gelöscht werden. Hannover sei dabei kein Einzelfall, im Gegenteil: Hannover sei überall, konstatierte Rauterberg. Ein weiteres Beispiel hierfür: Natürlich das vom Abriss bedrohte Parlamentsgebäude von Dieter Oesterlen.

Seine Zerstörung sei obszön, weil es sich um ein Denkmal handle, ein baukulturelles Unikat, das von staatlicher Seite als besonders wertvoll und schützenswert eingestuft wurde. „Und nun kommt eben dieser Staat und reißt ab, was er zu seinem Kulturschatz, zu seinem Vermächtnis erklärt hatte.“ Ein Parlament demoliert sich selbst, meinte Rauterberg, und beraube sich nebenbei auch seiner Glaubwürdigkeit.

Wie solle man privaten Bauherren noch plausibel machen, sie müssten den Denkmalschutz ernst nehmen, wenn sich selbst der Gesetzgeber nicht daran halte? Der Abriss sei auch aus ökologischen und haushaltspolitischen Gründen falsch. Oder, so Rauterberg weiter, wolle Hannover der Welt signalisieren, es habe Steuergelder im Überfluss, müsse nicht sparen, ja könne auf den Abriss schon aus konjunkturellen Gründen gar nicht verzichten, sozusagen als Denkmalabwrackprämie mit krisenabwendender Sofortwirkung? Außerdem sei es falsch, einen Wettbewerb auszuloben, der einen Abriss zwingend vorsehe, statt sich die Möglichkeit offenzuhalten, einen Architektenentwurf zu erhalten, der klug die Erneuerung ermögliche, ohne das Alte zu zerstören. Damit war Rauterberg ganz auf der Linie von Kammerpräsident Wolfgang Schneider, der genau dies immer gefordert hatte.

Rauterbergs Fazit: Die Deutschen seien nicht nur geschichtsvergessen – allein in Bayern wurden in den letzten drei Jahrzehnten 30.000 Denkmäler abgerissen –, sondern gleichzeitig auch ungemein geschichtsversessen. Immerhin gäben sie viel Geld für den Denkmalschutz aus und auch dafür, die zerstörten Fassaden von vorgestern wieder neu zu errichten. Rauterberg warnte daher vor Augenblicksurteilen.

Der Zeitgeschmack wandle sich. „Wer ein Gebäude jetzt abreißt, riskiert, dass es in 30 Jahren wieder aufgebaut wird.“ Dafür gab es langen Beifall.

 

 

Fotos: Kai-Uwe Knoth