21. Januar 2005 | Altes Rathaus Hannover | Prof. Dr. Berthold Leibinger

Der Bauherr

Ein kaputtes Netzgerät kann die beste Veranstaltung torpedieren. Als Berthold Leibinger seinen Vortrag über die Bau­ten der Trumpf AG und von der Rolle des Unternehmers als Bauherr begin­nen wollte, versagte das Notebook, der Power-Point-Vortrag damit ebenso und das Programm der ersten Veranstaltung der neuen von der Architektenkammer Niedersachsen initiierten Reihe „Archi­tektur im Dialog“ musste flugs um-gestellt werden. Tücken der Technik. Leibinger und Gastgeber Wolfgang Schneider nahmen es gelassen. Bis Bilder gezeigt werden konnten, war Zeit für ein Gespräch mit NDR-Kultur-redakteur Dirk Liebenow.

Doch der Reihe nach: Ziel der neuen Kammerreihe „Architektur im Dialog“ ist es, das Thema Architektur in einem neuen Kontext zu präsentie­ren und das öffentliche Interesse an der Gestaltung von Stadt und Raum zu steigern. Explizit soll dabei die Sicht der „anderen Seite“ auf das Pla­nen, Bauen und Wohnen im Zentrum stehen. Kammerpräsident Schneider betonte, dass „wir Vermittler brau­chen, um zu einer Ortsbestimmung der kulturellen und gesellschaftlichen Rolle und Funktion der zeitgenössischen Architektur zu finden, sozusagen Brückenbauer, die einen Aus­tausch an Ideen in unserer Gesell­schaft bewirken.“ Der erste Brücken­bauer war am 21. Januar 2004 also Berthold Leibinger, Geschäftsführen­der Gesellschafter der Firma TRUMPF aus Baden-Württemberg, die eines der weltweit führenden Unternehmen des Werkzeugmaschinenbaus und in­dustriellen Lasersysteme ist. Der 74-Jährige gilt als einer der einflussreichsten Unternehmer Deutschlands und als einer, der bei seinen welt-weit verstreuten Firmengebäuden viel Wert auf ästhetische und gleich­zeitig zweckorientierte Architektur legt.

Die Architektenkammer fragte: Welchen Stellenwert hat Architektur für einen viel beschäftigten und erfolgreichen Unternehmer? Wie steht es um seine Bereitschaft, Architektur für betriebsinterne Prozesse und werbliche Maßnahmen zu nutzen? Leibinger antwortete mit einem span­nenden Vortrag, und konnte, mit Hilfe eines neuen Computers, auch Bilder zeigen.

Schnell wurde klar: Leibinger der Unternehmer und Bauherr, das lässt sich nicht trennen. Bauen als Aus­drucksform seines Unternehmens ist ihm wichtig. Von gebauter gleichför­miger Corporate Identity à la McDonalds hält er jedoch nichts. Leibinger bestand darauf, dass seine Fabriken und Büros erstklassig sind, und sich gleichzeitig dem Umfeld und der Vergangenheit des Ortes anpassen. Beispiel Farmington in Connecticut: Viele der alten Fabriken und öffentlichen Gebäude sind hier mit Ziegelfassaden versehen. Trumpf über­nahm diese Tradition beim eigenen Kunden- und Technikzentrum. Oder wie in Grüsch in Graubünden. Außen­fassade, wie auch die Decken über dem Eingangsbereich, sind bewusst in Holz gehalten, um eine Verbindung mit den Bauernhäusern des Tals zu erreichen. Große Fenster sorgen in Büros und Werkstätten für eine intensive Verbin­dung mit der umgebenden Landschaft.

Leibinger erarbeitete mit den Ar­chitekten immer architektonische Struk­turen, die die Abläufe in den Fabriken und Büros positiv verstärkten. So auch im neuesten Trumpf-Gebäude, dem Vertriebs- und Servicezentrum im heimatlichen Ditzingen – entworfen von Leibingers Tochter Regine. Das Gebäu­de ist in der Mitte durchgeschnitten und um ein halbes Stockwerk versetzt, sodass über Innentreppen zwischen den einzelnen Stockwerken eine intensive Kommunikation auch ohne Benutzung der Aufzüge erreicht wird.

Leibinger ist sich sicher, dass Mit­arbeiter mehr leisten, wenn sie sich in einer Arbeitsumgebung aufhalten, die stimulierend und ästhetisch befriedi­gend gestaltet ist. Erstklassige Arbeit entstehe nur in guter Umgebung, und Deutschland brauche Erstklassigkeit, um im internationalen Wettbewerb be­stehen zu können.

Leibinger nutzt die Sprache der Architektur zum Nutzen für sein Unter­nehmen, während er gleichzeitig die Verantwortung für die gebaute Umwelt ernst nimmt. Die Frage, ob die Architek­ten es mit ihm leicht hatten, verneinte er ganz bewusst. „Wir hatten hohe Erwartungen und waren sehr kostenbe­wusst“, antwortete er als Unternehmer. „Wir sind Bauherren, keine Bausklaven“, sagte er als Bauherr.