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23. April 2026 | Altes Rathaus | Andreas Hofer

Bauwende – Zeitenwende

Der Saal ist voll, es wird noch nachgerückt, 230 Personen – das Alte Rathaus in Hannover ausgebucht. Stiftungsvorsitzender und Kammerpräsident Robert Marlow begrüßt und stellt den Referenten des Abends vor: Andreas Hofer, Intendant der Internationalen Bauausstellung (IBA) Region Stuttgart. Marlow skizziert seinen Werdegang als Architekt, Büromitgründer sowie als zentralen Akteur im genossenschaftlichen Wohnungsbau (u. a. „Kraftwerk 1“) und Clusterwohnen in Zürich und der gesamten Schweiz. Warum man Andreas Hofer nach Hannover geholt hat erzählte Marlow gleich zu Beginn: Bei der IBA gehe es um nichts weniger als um die zentralen Zukunftsfragen des Bauens und Wohnens im digitalen und globalen Zeitalter. Grund genug, ihn einzuladen und ihn zu fragen, wie nachhaltige, soziale und innovative Stadtentwicklung funktionieren kann. 

Hofer steigt direkt ein. Ein paar Sätze zur IBA, zur Organisation, zum Anspruch. Es gehe darum, „ein neues Bild einer zukunftsfähigen Region“ zu entwerfen. Und es gehe darum, die drei Buchstaben ernst zu nehmen. International bedeute heute etwas anderes als noch vor hundert Jahren. Die große Geste, aus Europa heraus die Welt zu formen, habe sich erledigt. Die Frage sei vielmehr, was unter den aktuellen Bedingungen vor Ort in Stuttgart und der Region überhaupt möglich ist. Eine Bauausstellung müsse sich im Gebauten beweisen. „Das überzeugendste Argument ist das gebaute Haus.“ Alles andere bleibe abstrakt. Gleichzeitig verweist er auf die Geschichte der IBAs, auf die Momente, in denen sie gesellschaftliche Umbrüche sichtbar gemacht haben. Genau an einem solchen Punkt sehe man sich heute wieder. Ein Epochenwechsel, ausgelöst durch Entwicklungen, die gleichzeitig wirken: Pandemie, Krieg, Ressourcenknappheit, wirtschaftliche Verschiebungen.

„Um- und Weiterbauen“ zieht sich durch den gesamten Abend. Alles, was heute entstehe, habe mit Veränderung zu tun. Die klassische Vorstellung, auf der grünen Wiese neu zu beginnen, spiele kaum noch eine Rolle. In der Region Stuttgart bedeute das, sich mit einer gewachsenen Struktur auseinanderzusetzen: 179 Kommunen, unterschiedliche Interessen, komplexe Verfahren. Kein geschützter Rahmen, sondern ein fragmentierter Raum mit realen Konflikten. Wie arbeitet die IBA in diesem Gefüge? Eine eigene Bautätigkeit gebe es nicht. Stattdessen gehe man in bestehende Projekte hinein, biete sich als Partner an, begleite Prozesse. Aus über 200 Einreichungen habe sich ein Portfolio entwickelt, aus dem rund 100 Projekte hervorgegangen sind, darunter 37 offizielle IBA-Vorhaben. Auffällig sei deren Maßstab. Es gehe selten um einzelne Gebäude, vielmehr um ganze Quartiere, um Gewerbegebiete, um schwierige Übergangsräume zwischen Infrastruktur und Stadt.

Die Realität dieser Prozesse bleibt dabei präsent. Baurecht, Gutachten, Finanzierungsfragen – vieles dauere länger als gedacht. Einige Projekte würden bis 2027 nicht fertig. Hofer benennt das ohne Umschweife. Entscheidend sei, dass etwas in Bewegung komme. Dass Kommunen miteinander ins Gespräch kommen, dass Wissen geteilt wird, dass sich Netzwerke bilden.

Hofer beschreibt, wie sich industrielle Prozesse verändern. Forschung, Entwicklung, Engineering gewinnen an Bedeutung, während klassische Produktion und Logistik weniger Fläche beanspruchen oder sich anders organisieren lassen. Daraus ergibt sich eine neue räumliche Situation. Viele dieser Funktionen sind leise, kompakt, technisch kontrolliert. Sie lassen sich in städtische Strukturen integrieren. Die strikte Trennung von Arbeiten und Wohnen, die lange prägend war, gerät dadurch ins Wanken. Ein Beispiel folgt dem nächsten. Vertikale Fabriken, gemischte Quartiere, Umnutzungen bestehender Anlagen. Immer wieder der Hinweis: Diese Modelle sind keine Theorie, sie entstehen aus konkreten Anforderungen. Gleichzeitig verweist Hofer auf die wirtschaftliche Lage. Viele Projekte stehen unter Druck, Investitionen werden zurückgestellt. Gerade größere gewerbliche Entwicklungen sind betroffen.

Im Wohnungsbau wird der Ton noch klarer. Hofer spricht von einem „Allokationsproblem“. Die verfügbare Fläche werde anders genutzt, als es den gesellschaftlichen Entwicklungen entspricht. Große Wohnungen treffen auf eine steigende Zahl von Einpersonenhaushalten. Gleichzeitig steigen die Baukosten massiv, Fördermodelle geraten an Grenzen. Zahlen fallen, die die Dimension verdeutlichen. Die Projekte, die daraus entstehen, setzen an diesen Punkten an. Dichtere Strukturen, effizientere Erschließung, gemeinschaftlich nutzbare Räume. Clusterwohnungen, neue Grundrisse, andere Formen des Zusammenlebens. Vieles davon sei lange skeptisch betrachtet worden. Unter den aktuellen Bedingungen werde es plötzlich umsetzbar.

Im Gespräch mit Prof. Dr. Alexander Gutzmer werden diese Linien weitergeführt. Gutzmer fragt nach der Ausgangslage in Stuttgart, nach einer Region, die lange wirtschaftlich stabil war. Hofer beschreibt eine Situation, in der Veränderung nicht selbstverständlich ist. Krisenerfahrungen fehlen, der Druck baut sich erst jetzt auf. Gleichzeitig seien die Herausforderungen deutlich sichtbar. Die Diskussion geht auf die Rolle der IBA ein. Sie könne keine wirtschaftlichen Entwicklungen steuern, keine Baukosten senken, keine politischen Entscheidungen ersetzen. Ihr Beitrag liege darin, Prozesse anzustoßen, Fragen zu stellen, Modelle sichtbar zu machen. Viele Kommunen hätten genau das genutzt. Projekte seien entstanden, die ohne diesen Rahmen nicht begonnen worden wären. Auch die aktuellen Schwierigkeiten werden angesprochen. Steigende Kosten, zurückhaltende Investoren, Verzögerungen. Hofer bewertet das nicht nur negativ. Knappheit verändere den Blick auf das Bauen. Viele Lösungen, die heute entstehen, wären unter den Bedingungen der vergangenen Jahre kaum diskutiert worden.

Zum Ende hin wird das Gespräch offener. Es geht um Haltungen, weniger um Projekte. Um die Frage, wie viel Ballast man abwerfen muss, um handlungsfähig zu bleiben. Hofer spricht von einem „leichteren Leben“, ohne den Begriff weiter auszudehnen. Vieles ist im Fluss, vieles noch unentschieden. Genau das scheint den Kern der aktuellen Situation zu treffen. Vielen Anwesenden wird klar: 2027 steht Stuttgart auf ihrem Programm. 

Alle Fotos: Kai-Uwe Knoth