21. Januar 2026 | DOMOTEX | Prof. Dirk E. Hebel
Eine Frage der Konsequenz
Architektur im Dialog gastierte auf der DOMOTEX
Mitten im Messegeschehen der DOMOTEX 2026 setzte die Lavesstiftung ihre Reihe „Architektur im Dialog“ fort und verlagerte die Debatte um nachhaltiges Bauen dorthin, wo Materialien, Produkte und Märkte sichtbar werden. Rund 150 Gäste folgten der Einladung in Halle 20, um den Ausführungen von Prof. Dirk E. Hebel zu lauschen, Sitzplätze gab es zunächst aber nur 120. Schnell wurden Vorkehrungen getroffen, um auch den vorbeilaufenden Messebesuchenden eine Gelegenheit zu geben, dabei zu sein – und sie nutzten diese auch. Der Professor für Nachhaltiges Bauen am Karlsruher Institut für Technologie sprach über nichts Geringeres als die Grundlagen künftiger Baukultur: über Materialien, Kreisläufe und die Frage, wie sich das Bauen aus der Logik des Verbrauchs lösen lässt.
Nach der Begrüßung durch Sonia Wedell-Castellano, Global Director der DOMOTEX, und der Einführung von Robert Marlow, Vorstandsvorsitzender der Lavesstiftung, wurde schnell deutlich, dass es an diesem Abend weniger um technische Detailfragen als um einen grundlegenden Perspektivwechsel ging. Hebel stellte zu Beginn eine nüchterne Diagnose: Der überwiegende Teil der heute eingesetzten Baumaterialien lande nach der Nutzung auf Deponien oder in der Verbrennung, nur ein Bruchteil finde den Weg zurück in einen geschlossenen Kreislauf. Ursache sei weniger fehlende Technologie als eine Entwurfspraxis, die den Lebenszyklus von Bauteilen kaum mitdenke. Nur fünf bis sieben Prozent der eingesetzten Materialien, so Hebel, gelangten heute tatsächlich wieder in einen verwertbaren Kreislauf.
Anhand historischer Modelle zur linearen Stadtökonomie spannte Hebel den Bogen zur Kreislaufwirtschaft. Die gebaute Umwelt, so seine zentrale These, müsse als temporäres Rohstofflager verstanden werden. Entwerfen bedeute künftig nicht mehr nur, Gebäude zu planen, sondern deren spätere Demontage und Wiederverwendung mitzudenken. Wie sich dieser Ansatz konkret umsetzen lässt, illustrierte er mit dem „Peoples Pavilion“ in Eindhoven: ein temporärer Messebau, dessen Bauteile vollständig ausgeliehen, verschraubungsfrei gefügt und nach drei Wochen vollständig in ihre jeweiligen Materialkreisläufe zurückgeführt wurden. Der Pavillon diente Hebel als Referenz dafür, dass kreislauffähiges Bauen weniger eine Frage der Innovation als der Konsequenz sei.
Deutlich kritischer fiel seine Analyse der aktuellen Förder- und Regulierungssysteme aus. Die vorherrschende Fixierung auf Energieeffizienz führe dazu, dass immer mehr Material in die Gebäudehülle eingebracht werde, ohne den Ressourcenverbrauch und die Emissionen des Bauprozesses ausreichend zu berücksichtigen. Hebel plädierte dafür, die Debatte von der Energie- zur Emissionsfrage zu verschieben. Nicht der Primärenergiebedarf allein, sondern die gebundene graue Energie und der CO₂-Verbrauch müssten zur zentralen Bewertungsgröße werden.
Wie sich ein solcher Paradigmenwechsel praktisch auswirken kann, zeigte er am Beispiel eines studentischen Wettbewerbsprojekts in Wuppertal. In modularer Holzbauweise wurde dort eine bestehende Industriehalle aufgestockt – mit einem hohen Anteil wiederverwendeter Materialien. Fenster aus einem abgebrochenen Bankgebäude, Altholzbalken aus dem Schwarzwald, sortenrein verschraubte Bauteile: Der Entwurf folgte konsequent dem Prinzip, zunächst vorhandene Materialien zu „ernten“ und den Entwurf daraus zu entwickeln. Das Projekt erreichte in der CO₂-Bilanz Werte, die deutlich unter den heute gängigen Grenzwerten lagen.
Einen weiteren Schwerpunkt bildeten neue biobasierte Materialien. Hebel berichtete über Forschungsarbeiten zu Pilzwerkstoffen, die ohne synthetische Kleber auskommen und am Ende ihres Lebenszyklus kompostierbar sind. Solche Materialien, so Hebel, könnten helfen, die absehbare Ressourcenlücke zu schließen, da selbst ein perfektes Recycling mineralischer Stoffe den künftigen Materialbedarf nicht decken werde. Biologische Kreisläufe gewännen daher strategische Bedeutung.
In der anschließenden Diskussion mit Eva Maria Herrmann, Redaktionsleiterin des Deutschen Architekt:innenblatts, verlagerte sich der Fokus auf die politischen und ökonomischen Rahmenbedingungen. Hebel verwies auf das dänische Modell, in dem CO₂-Grenzwerte Bestandteil jeder Baugenehmigung sind. Dadurch habe sich dort innerhalb weniger Jahre ein Markt für wiederverwendete Bauteile und neue Dienstleister etabliert. In Deutschland hingegen seien entsprechende Instrumente bislang freiwillig und wirkten kaum flächendeckend.
Aus dem Publikum kritisch hinterfragt wurde die Forderung Hebels nach einer völligen Abkehr von der Energie- hin zur Ressourceneffizienz, die auch zentrales Thema des gemeinsamen Manifestes mit den Professoren Werner Sobek, Dietmar Walberg und Prof. Elisabeth Endres ist. Die Verantwortung für die Umsetzung von Klimaschutzzielen von der Effizienz der Gebäude damit auf das Energiesystem zu schieben, könne ein Bumerang für die gesellschaftlichen Kosten sein, der bisher unerwähnt bleibe.
Ein wiederkehrendes Motiv der Diskussion war der Begriff des Wertes. Solange sich der Wert eines Gebäudes allein über Baukosten und Rendite definiere, blieben graue Energie und Ressourcenverbrauch unsichtbar. Erst wenn CO₂-Emissionen als eigenständige Währung anerkannt würden, entstehe ein Anreiz, Bestand zu erhalten und Materialien im Kreislauf zu führen. Die Diskussion machte deutlich, dass technische Lösungen vorhanden sind, der Wandel jedoch vor allem eine Frage der Regulierung und der Entwurfskultur ist.
Am Ende stand kein fertiges Rezept, sondern eine programmatische Zusammenfassung: Die Stadt der Zukunft, zitierte Hebel einen Kollegen, unterscheide nicht mehr zwischen Abfall und Ressource. Der Abend auf der DOMOTEX zeigte, dass diese Idee längst keine Vision mehr ist, sondern Gegenstand konkreter Forschung, Lehre und Praxis und damit eine Aufgabe für den Berufsstand in den kommenden Jahren.
Fotos: Kai-Uwe Knoth